Thema Bockgruppe. Kann das funktionieren?


Vorab: Statistisch gesehen gibt es genauso viele Böcke wie Mädchen. Da man in den, am meisten praktizierten Haremsgruppen wesentlich weniger Buben als Mädchen hält, müssen die Jungs ja irgendwo hin. Sie zu halten ist aber nicht immer ganz einfach! Man sollte sich einiger Dinge bewusst sein und manches beachten, dann kann so eine Männer-WG ein Leben lang gut gehen.


Fangen wir mit einem der häufigsten Aussagen von Menschen, die ihren männlichen Wurfüberschuss los werden wollen, ohne das es der Käufer merkt, an. „Brüder oder gleichalte Böcke, die immer schon zusammen waren und nie mit Mädchen in Kontakt kamen, verstehen sich prima!“. Ja, bis sie in die Rappelphase (so eine Art Meerschweinchen-Pubertät) kommen. Dann wird mehr oder weniger gewaltsam ausgemacht wer das Sagen im Stall hat. Da gleichalte Tiere immer gleichalt und damit meistens auch gleichstark sind und bleiben, wird das zum „running gag“ – dauerhaften Problem. Meerschweinchen ist es dabei übrigens völlig egal, ob das der eigene Bruder, Cousin oder Schwippschwager ist. Es ist ein Konkurrent – fertig! Was bleibt ist häufig der dringende Versuch einen Bock abzugeben, da sie sich nicht mehr verstehen und mehrere Gehege aus platzgründen nicht möglich sind.


Wie baut man also eine Bockgruppe auf, bei der die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass sie gut funktioniert? Als erstes muss ein Leittier her. Einer, der klare Ansagen macht, ohne die kleinen Jungs jedes Mal zu verprügeln oder stundenlang zu jagen. Einer, der selber eine nachweislich gute Kinderstube hatte, das Meerschweinchen-Verhaltens ABC von der Pike auf gelernt hat und entsprechend weitergeben kann. Solche Schätze findet man nur sehr, sehr selten bei Ebay-Kleinanzeigen. Dazu sollte man sich von dem Züchter seines Vertrauens, der seine Tiere hat aufwachsen sehen und sehr gut kennt, beraten lassen. Die weiteren Gruppenmitglieder sollten jünger sein, um den Chef als solchen zu akzeptieren. In meinen Augen ist eine Altersabstufungen von ca. 6 Monaten ideal.


Kommen wir zum Thema Kastration. Eine Notwendigkeit in einer Bockgruppe? Ich sage Ja!
Eine Kastration nimmt größtenteils (nach 2-3 Monaten) den hormonellen Druck, der die kleinen, süßen Fellnasen zu zähnefletschenden, ratternden und angriffslustigen Fellmonstern macht. Besonders ideal wäre es, immer junge Frühkastrate zu integrieren, da diese in der Regel besonders friedfertig sind. Daher haben meine potenten Zuchtböcke jeweils einen Frühkastraten als dauerhaften Partner, der auch bei Damenbesuch einfach mit dabei bleibt. Die leben dann tatsächlich als total harmonisches dreier Rudel zusammen. Ein weiterer Punkt, der mir beim Thema Kastration am Herzen liegt, ist folgender: Irgendwann ist vielleicht nur noch ein Bub übrig, weil die Kumpel verstorben sind. Dann stellt sich die Frage, was man mit einem…. sagen wir 5 jährigen, unkastrierten Bock macht. Welcher Partner passt dann? Der kleine Jungspunt mit 6 Wochen tanzt dem alten auf der Nase herum und langweilt sich zu Tode, aber einen Jungsgruppen-toleranten Altbock zu finden, der sich problemlos mit dem 5 jährigen vergesellschaftet wäre wie ein 6er im Lotto. Eine Kastration in diesem Alter ist stark vom Gesundheitszustand abhängig und nicht mehr bei allen Tieren durchführbar. Wäre unserer Witwer nun aber schon vorher kastriert worden, könnte er relativ problemlos seinen Lebensabend mit einer rüstigen Rentnerin verbringen.
Leider wird der Chance der Kastration häufig zu spät genutzt. Wenn zwei Buben sich richtig und dauerhaft in der Wolle haben, nützt die Kastra auch nichts mehr. Die können sich mit oder ohne Eier nicht leiden.
Eine großzügige Haltung mit mehreren Versteckmöglichkeiten und Futterstellen setze ich für alle Meerschweinchen-Gruppen voraus, ist aber besonders für Bockgruppen elementar.


Dieser Text spiegelt (mal wieder) nur meine eigene Meinung und Erfahrung wider. Es gibt tatsächlich gleichalte Bock-Duos und unkastrierte Männer-WGs, die sich lebenslang gut verstehen. Diese sind aber nicht die Regel und eher selten. Ich rate dringend davon ab, zu hoffen, dass gerade die eigenen Tiere zu diesen Ausnahmen gehören. Es herrscht in diesen Gruppen eine immerwährende Gefahr von jetzt auf gleich zu eskalieren ohne, dass ein ersichtlicher Grund zu finden ist. Wer das in Kauf nimmt, sollte zumindest einen Plan B in der Hinterhand haben, um die Jungs trennen und adäquat unterbringen zu können. Die „Altersvorsorge“ wäre damit aber trotzdem nicht geklärt.


Wie komme ich nun an eine funktionierende Jungsgruppe? Am besten schaut man bei Züchtern oder Notstationen seines Vertrauens nach bereits vergesellschafteten, kastrierten Jungs, die schon glücklich zusammenleben. Es bleibt einem die Organisation und medizinische Versorgung der Kastration erspart und auch die Ungewissheit bei der Zusammenführung. Hat sich das Duo oder die Gruppe dann gut eingelebt, kann durch junge (Früh)Kastrate mehr menpower in die Herde gebracht werden. Dieses System hat sich oftmals schon sehr gut bewährt. Es scheint auf den ersten Blick um einiges teuer in der Anschaffung zu sein, denn schließlich kosten Kastrationen gutes Geld, aber es erspart in der Regel Tierarztbesuche wegen Bisswunden und zerfetzter Ohren, die Anschaffung eines weiteren Geheges und die Inseratkosten, um für einen der Streithammel ein neues Zuhause zu suchen. Zudem schont es die eigenen Nerven!

Dieser Text wurde von Julia Holznagel verfasst.